deep limbic system

Es ist in der Tat so, dass ich in der letzten Zeit eine leichte Verschiebung meiner Wahrnehmung verzeichnen kann, die mir in seltenen Lichtblicken erlaubt, meine Gefühle sozusagen verzögert wahrzunehmen. Oder nicht verzögert, sondern von außen drauf schauend. Ganz genau genommen, sind es die negativen Gefühle, denen ich ein wenig mehr auf die Schliche zu kommen scheine.

Advertisements

Ein Abschied.

Ich möchte mich heute von M, von Herrn H, von Herrn K und von Herrn S verabschieden.

Tatsächlich war es im vergangenen Jahr so, dass der Gedanke, dass ihr und Sie meinen Blog mitlest, mich regelrecht blockiert hat. Immer wieder hatte ich das Bedürfnis, mal wieder etwas zu schreiben; aber ich wollte nicht, dass es so wirkt, als schriebe ich es auch nur Ansatzweise für euch (ich verzichte der Einfachheit halber hier auf eine Unterscheidung in Du und Sie).

Irgendetwas hatte sich geändert. Hatte ich euch zunächst alle bewusst eingeladen, meinem Blog und damit meinen Gedanken zu folgen, so möchte ich euch heute bitten, meinem Blog nicht mehr zu abonnieren. Heißt, die Benachrichtigungen über neue Einträge abzubestellen.

Ehrlich gesagt, hatte ich bei jedem Einzelnen von euch (mit Ausnahme von Herrn K), die Hoffnung, durch meine Einladung an euch, eine Nähe schaffen zu können, die man im Alltag vielleicht erst nach zwei gemeinsamen Wochen im Zelt in den Rocky Mountains erreicht (ja, klar, ich weiß, im „Alltag“). Ich hatte meinen Blog einen „Überlebensblog“ genannt, weil ich … es ist kompliziert, es ist schwer zu beschreiben und darum geht es jetzt auch nicht.

M, Du warst in Zeiten, als ich noch unendlich verpeilt und haltlos durch die Nächte gedriftet bin, ein Halt und eine Hoffnung für mich. Du warst einer der wenigen Menschen in meinem Leben, die mir ein begeistertes Feedback gegeben haben. Du warst immer mein imaginärer Joker, den ich in der Hinterhand zu haben gehofft hatte. Leider warst Du es am Ende dann doch nicht und hast Dich selbst aus meinem Leben verabschiedet.

Herr H, Dich habe ich wirklich versucht, in mein Leben einzuladen. Du hast mir zwar manchmal einen Tropfen Deiner Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt; aber wenn ich auf jede mail oder Nachricht von mir eine völlig erratische Zeit warten muss, ob überhaupt eine Antwort kommt und dann auch nur der Verweis auf die Quantität Deiner Erwerbsarbeit und die Verpflichtungen der Familie folgen, dann muss ich mich dieser Realität wohl geschlagen geben.

Herr K, ich muss zugeben, in diesem Fall war ich die Feige, oder vielleicht die Spießige und ich hoffe, dass Sie wenigstens wissen, wovon ich rede. Und vielleicht hatten Sie ja einfach nur einen ähnlichen Wunsch, wie ich. Aber ich glaube, ihr Ansatz war letzten Endes doch ein ganz anderer als meiner.

Herr S, ich hatte tatsächlich die irrationale Hoffnung, Sie könnten sich bei mir melden und wir könnten eine Freundschaft beginnen.

Aber mein Leben geht weiter, auch ohne euch. Ich wünsche euch allen Alles Gute, vielleicht ist es auch einfach eine Utopie, zu glauben, man könnte im Leben Zeit finden für mehr als das was gerade ansteht. See you in another life bro.

Tod

Um es vorneweg zu sagen, meine Mutter ist gestern gestorben. Eigentlich heute. subjektiv. Es ist drei Uhr nachts und wie so oft in letzter Zeit bin ich , nachdem ich unglaublich müde eingeschlafen bin, nun doch wieder aufgewacht und kann nicht mehr einschlafen.

Es ist schrecklich, wenn das Schnarchen oder Atmen neben Dir nichts bedeutet. Doch es bedeutet etwas. Aber soviel es bedeutet, – es bedeutet die ganze Welt – , so ist es doch machtlos gegen den Schrecken. Die Panik. Das Entsetzen, die Trauer, die Angst.

Gestern Nacht bin ich um zwei aufgewacht und merkte ziemlich schnell, dass ich nicht würde wieder einschlafen können. Mich plagten die Gedanken, Mama könnte eventuell, seit sie eingeliefert worden war, nichts getrunken haben und sich dennoch eingenässt haben, und läge jetzt da in ihrem Urin oder sie wäre wieder nicht zugedeckt, wie eigentlich immer wenn ich sie in letzter Zeit besucht hatte, und sie in einem kurzen, traurigen Schlaf antraf, und sie bekäme die fast unvermeidliche Lungenentzündung. Ich suchte die Nummer des Krankenhauses und erkundigte mich bei der Nachtschwester nach Mama. Die Nachtschwester schaute alle halbe Stunde nach ihr und es ging ihr unverändert, sie lag ruhig atmend da. Zugedeckt, ja, selbstverständlich. Und am Tropf. Alles gut.

Endlich mal jemand, der alle halbe Stunde nach ihr schaute. Genau das hatte ich mir in Gedanken gewünscht, als ich die Nacht davor wach lag und an Mama dachte. Keiner kümmere sich um sie, hatte sie verzweifelt ins Telefon gebrüllt, welches so eine schlechte Verbindung hatte. Dabei machte es nicht diesen Eindruck. Das heißt, man wusste es nie. Und noch dazu ihre Art ins Telefon zu schreien; stöhnend, unartikuliert, aus einer monströsen, schreienden Schwäche.

Ich bin traurig.

Wie konnte ich mich so blenden lassen, so vereinnahmen lassen. Ich komme mir vor, als habe ich die ganze Zeit in einem Windkanal gestanden oder wäre durch eine Geisterbahn gerast.

Wie wünschte ich mir, sie könnte morgen wieder anrufen, zum tausendsten Mal, und ich würde umgehend hinfahren und sie endlich mitnehmen.

Es ist zu spät.

Ich kann mich noch nicht wieder hinlegen.

Ich kann mich noch nicht wieder hinlegen. Mama konnte das nie. Ich spüre wie sich meine Schulter- und Nackenmuskulatur zusammen zieht. Vielleicht hilft Chips-essen. Ich mache das eigentlich nie. T. macht das immer.

Es hat nicht geholfen. Lesen auch nicht. Ich bin müde, meine Augen schmerzen vom Weinen. ICH HABE ANGST VORM STERBEN. Die Nacht ist so dunkel. Mein Herz klopft unregelmäßig, zaghaft und doch heftig. Wie meine Mutter, die nur noch dünn wie ein Vogelküken war. Ich habe mir Malzbier aus der Küche geholt. Ich sollte immer gebindeweise Malzbier für Mama kaufen. Alles in dieser Maßlosigkeit und Rastlosigkeit war immer nur ein verzweifelter Versuch, dem Tod zu trotzen. Ich kenne diese Bewegung. Ich muss endlich anfangen, sie umzukehren. So wie Lawrence von Arabien. Freudig dem Tod entgegen, ins Leben hinein.

Aber noch immer überrollt mich die Dunkelheit. Auf einmal erlebe ich den Schmerz und die Einsamkeit von ihr, sehe sie wie sie zusammengerollt da liegt, wie ein Kind ohne seine Mutter. Warum konnte ich dem nicht begegnen. Ich wünschte mir, ich hätte doch wenigstens irgendwie da sein können.

Mit ihr im Sturm stehen.

Warum habe ich davor die Augen verschlossen. Das Nichtsehen gewählt, das mich jetzt quält. Aber ich hatte keine Wahl, immer stand ich da oder saß, ohne da zu sein. Ohne ein Erkennen. Und auch da schon mit einem Empfinden von dumpfen Leid, das gleich bleibt und immer wieder kommt obwohl es gar nicht vergeht. Dabei war ihr Tod ganz sanft und friedlich, als er da war.

Meine Mutter hat mich angefleht, sie zu mir zu nehmen. Immer wieder. Ich konnte nicht. Ich hatte Angst, sie frisst mich auf. Jetzt ist sie gegangen, ohne mich und hat die Angst dagelassen. Jetzt verstehe ich. Wir hätten sie gemeinsam überwinden können, vielleicht, nun muss ich es alleine tun.

„Jetzt ist sie gegangen, ohne mich und hat mich dagelassen.“ Das habe ich wohl auf dem Arm meiner Pflegeoma gesagt, als ich zwei war und meiner Mutter zum Abschied gewunken habe. Meine Oma hat es immer so erzählt, als sei ich heimlich froh gewesen, dass ich bei ihr bleiben durfte. Aber heute weiß ich es nicht so genau. Jetzt bin ich immer noch hier. Zurückgelassen. So wie meine Mutter ewig unerwünscht war.

Zu spät wohl erahne ich diese Liebe, die mit ihr ihren Schmerz und ihre Einsamkeit hätte aushalten können. Die Liebe die die Furcht austreibt. Diese Liebe die Jesus Christus dazu bewegt hat, mit uns Mensch zu werden und für uns ans Kreuz zu gehen, mit uns im Sturm zu stehen.